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Institut für energetische Körperarbeit und Kreativität
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Neues aus dem

Institut für energetische Körperarbeit und Kreativität



Willst du etwas wissen, so frage einen Erfahrenen und keinen Gelehrten!

(Chinesische Weisheit)


Seit vielen Jahren öffnen wir in unserem Institut Erfahrungsräume in den Bereichen Qigong, Taiji, Shiatsu, Meditation und Achtsamkeit, in der Arbeit am Tonfeld® und im künstlerischen Gestalten. Erfahrungen können tief berühren, aber unser Verstand tut sich schwer damit, sie zu durchdringen – Erfahrungen gehören einer anderen Kategorie an als die des Denkens. Da wir aber in einem wissenschaftlichen Zeitalter leben, wird vor allem das gefördert und unterstützt, was auch wissenschaftlich fassbar ist, was sich nicht nur in der Erfahrung des einzelnen, sondern auch im Licht der Wissenschaft zeigt.

Damit die vielen wertvollen Erfahrungen, die Menschen im Shiatsu machen, auch in unserer Gesellschaft gesehen werden und Shiatsu seinen Platz in Deutschland dauerhaft finden kann, müssen also wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise erbracht werden. Das Institut für energetische Körperarbeit und Kreativität hat sich entschlossen, zusammen mit der Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland (GSD) eine große internationale Studie zu initiieren, in der die Wirkungen von Shiatsu und Achtsamkeit evaluiert werden sollen. Eine kleine Vorstudie, die wir in Kooperation mit der Fachhochschule Coburg durchgeführt haben, hat bereits sehr ermutigende Ergebnisse gebracht. Diese könnt ihr samt einer Zusammenfassung des Ergebnisberichts unter dem Link: https://www.shiatsu-gsd.de/node/8053 von der Homepage der Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland (GSD) herunterladen.

Auch wenn wir versuchen die Wirkungen von Shiatsu wissenschaftlich zu belegen, ist doch klar, dass das Shiatsu-Geschehen in seiner ganzen Vielschichtigkeit und Tiefe mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu ergründen ist. Wir leben in einem wissenschaftlichen Zeitalter, meine Vision allerdings ist die eines „postwissenschaftlichen Zeitalters“. Einige Gedanken dazu habe ich auf den folgenden Seiten zusammengefasst.

Um die an der Studie teilnehmenden Shiatsu-PraktikerInnen zu Schulen, werde ich an einigen Wochenenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs sein. Für das Institut für energetische Körperarbeit und Kreativität in Bissingen heißt das, dass die Zahl der angebotenen Wochenendkurse 2019 reduziert sein wird. Ich freue mich auf dieses große Projekt mit all seinen Herausforderungen.


Durch Berührung wachsen

Da der Huber Verlag das Buch „Durch Berührung wachsen“ nach zwölf Jahren nicht mehr aufgelegt hat, es aber immer noch nachgefragt wird, habe ich mich entschlossen selbst eine zweite Ausgabe herauszugeben. Es wird demnächst für 24 € bei Book on Demand (Bod) mit der ISBN 9783748167754 erscheinen. Es wird Buchhandel, Buch Shop von Book on Demand (www.Bod.de) oder bei mir erhältlich sein.


Referenten

Ich freue mich, dass Michiko Nitobe aus Japan meine Einladung angenommen hat, in der Osterschule 2019 (22. – 27. April 2019) im Kloster Heiligkreuztal zu unterrichten. Durch sie können wir in Kontakt mit der asiatischen Tradition kommen, in der Qigong entstanden, gewachsen ist und über 2000 Jahre weitergegeben wurde. Das Thema der Osterschule wird lauten: „Östliche Tradition im Westen gelehrt – Unterschiede und Parallelen östlicher und westlicher Schulung.“

Ebenso freu ich mich, dass Barbara Murakami aus Düsseldorf uns auch 2019 wieder an ihrem Wissen und ihrer Erfahrung in der Psychsynthese teilhaben lassen wird. Das Thema ihres Kursangebots ist: „Focusing: in Kontakt mit der Weisheit des Körpers treten“

Neu konnte ich als Referentin Stephania Laih für unser Institut gewinnen. Sie hat unter anderem an der buddhistischen Naropa Universität in Colorado Drama, Kontemplation und Psychotherapie studiert und mit dem Master abgeschlossen. Sie wird uns in die inneren Haltungen in der Meditation einführen.

Meinen Kollegen Rami Yulzari aus Jerusalem habe ich für Anfang 2010 wieder zu einem Shiatsu- und Qigong-Kurs eingeladen. Er wird über Fronleichnam einen Qigong-Kurs in Düsseldorf im Institut für Shiatsu und Psychosynthese von Barbara Murakami geben.


Mitgliedschaft

Nicht neu, aber noch einmal erwähnenswert ist die Möglichkeit der Mitgliedschaft im Institut für energetische Körperarbeit und Kreativität mit einem selbstbestimmten Jahresbeitrag. Ab einem Jahresbeitrag von 100,- € sind die Meditationsabende kostenlos und außerdem gibt es auf alle Veranstaltungen des Instituts 10% Rabatt. Bei einem Mitgliedsbeitrag von 500,- € kosten alle Kurse nur noch die Hälfte. Das soll bei denjenigen, die ein intensives Kursjahr einlegen wollen, die Kosten in Grenzen halten.

Neuigkeitenbrief

Seit einigen Jahren versenden wir per E-Mail den Neuigkeitenbrief, in dem wir auf Änderungen im Programm, zusätzliche Angebote und andere Neuigkeiten hinweisen. Wenn Sie diesen „Brief“ bekommen möchten, geben Sie uns bitte Ihre E-Mail-Adresse (am besten ein E-Mail an ek@schrievers.net schicken), wenn Sie ihn bereits bekommen haben und nicht mehr möchten, lassen Sie es uns bitte wissen, wir nehmen Sie dann aus dem Verteiler.




Vom wissenschaftlichen zum postwissenschaftliche Zeitalter


Eine Vision


Zeugung, Geburt und Tod sind die größten Mysterien unseres menschlichen Daseins. Woher kommen wir und wo gehen wir hin? In den verschiedenen Kulturen und Religionen haben sich unterschiedliche Vorstellungen über die Zeit vor der Geburt und nach dem Tod entwickelt – es ist unsere Freiheit ihnen Glauben zu schenken oder nicht: Wissen tun wir es nicht.

Wir können den menschlichen Körper sehen und tasten, das Leben, das der Sterbende aushaucht, können wir mit unseren Sinnen nicht erfassen. Wir sehen nicht, wo es hingeht, ob es sich auflöst oder sich wandelt und wir wissen nicht, ob und wie es sich selbst erlebt, losgelöst vom Körper. Was wir aber deutlich sehen können, ist der vom Leben, von der Seele verlassene Körper, der nicht mehr reagiert, sich nicht mehr bewegt, schließlich erstarrt und zerfällt. Wir begreifen, dass der Leichnam, der vor uns liegt, nicht mehr der Mensch ist, den wir kannten und liebten, sondern eine Hülle, die von ihm verlassen wurde. Wir erinnern uns an die Wärme, die der Verstorbene verströmt hat, an sein Lachen und die Gefühle, die er mit uns geteilt hat. Sein Atem, seine Mimik und Gestik, sein Gang, seine Stimme machten ihn aus, in seinen Bewegungen hat er sich ausgedrückt. Seine Eigenarten haben Spuren in seinem Körper hinterlassen, seine Freude am Sport wird sichtbar in seinem Körperbau, seine Lebensfreude zeigt sich in den Lachfalten seines Gesichts. Wir begreifen, dass der Körper ohne den Menschen, ohne seinen Geist und seine Seele uns zwar noch ein wenig von seinem vergangenem Leben verrät, aber nicht mehr von seiner Gegenwart, von dem, was er jetzt ist.

Im Tod wird deutlich, dass wir nicht unser Körper sind, sondern das, was unseren Körper lebendig macht, was ihn durchdringt, solange wir leben. Wir wissen nicht, wie es ist, wenn das Leben unseren Körper einmal verlassen haben wird, aber wir wissen, dass wir dem, was unseren Körper einmal verlassen haben wird, hier und jetzt in unserem Körper begegnen können. Wo auch immer wir vor unserer Geburt und nach unserem Tod sein mögen, unsere Lebensspanne zeichnet aus, dass wir in unserem Körper sind. Was auch immer der Sinn des Todes sein mag, in unserem Körper zu sein ist der Sinn des Lebens. Uns selbst – oder sollten wir sagen dem Leben oder unserer Seele? – in unserem Körper zu begegnen, das Pulsieren und Strömen des Lebens unmittelbar zu spüren, es wahrnehmen zu lernen, davon handelt dieses Buch.

Im Unterschied zu den Tieren, die nicht die Freiheit haben, sich von ihrer Natur zu entfernen, hat sich der Mensch als Folge seiner Bewusstseinsentwicklung von sich selbst und von seiner Natur immer mehr entfremdet. Unsere Fähigkeit zu reflektieren, uns unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen bewusst zu werden, hat uns zwar auf der einen Seite einen enormen Fortschritt mit vielerlei Annehmlichkeiten, auf der anderen Seite aber auch Probleme und Herausforderungen gebracht, von denen noch niemand sagen kann, ob bzw. wie wir sie bewältigen werden. Wir haben uns die Erde Untertan gemacht, aber wir sind mit unseren Untertanen nicht gut umgegangen. Unsere Versuche, die Natur zu bezwingen, nehmen immer bizarrere Formen an. Wir haben begonnen in die Baupläne der Natur einzugreifen in dem Wahn es besser machen zu können und haben vergessen, dass wir selbst ein Teil der Natur und in jedem Atemzug auf sie angewiesen sind.

Paradoxerweise hat uns die Entfernung von der Natur bzw. die objektive Betrachtung der Natur und der Welt einerseits von gravierenden Irrtümern befreit und andererseits in noch gravierendere hineingeführt. Erlebten wir uns ursprünglich als Mittelpunkt der Welt, so hat Galilei mit Hilfe des neu erfundenen Fernrohrs die Bewegung von Sonne und Erde plötzlich sehen können wie sie ist. Mit der Erfindung immer leistungsfähigerer Fernrohre und Mikroskope haben wir noch viele Blicke in die Welt getan – im Großen wie im Kleinen. Aber gerade das Vordringen in die kleinsten, subatomaren Bereiche hat zu einer bahnbrechenden Erkenntnis geführt, dass Beobachter und Beobachtetes nämlich gar nicht wirklich voneinander getrennt sind. Erweist sich am Ende die Stärke der Wissenschaft, die Dinge objektiv (gegenübergestellt) und mit dem Verstand zu betrachten, als ein genauso großer Irrtum wie der, dass die Sonne sich um die Erde dreht? Weil die Sonne sich am Himmel bewegt, glaubten die Menschen, dass sie sich um die Erde dreht. Erkenntnis basierte auf Erfahrung. Dass der Beobachter und das, was er beobachtet, nicht voneinander getrennt sind, haben die Physiker zwar erkannt und bewiesen, aber nicht erfahren. Da aber Erkenntnisse für unser Lebensgefühl wie auch für unser Handeln weniger Kraft und Relevanz haben als das, was sich uns über die eigene Erfahrung eingeprägt hat, können wir persönlich nur sehr begrenzt aus diesem Quantensprung der modernen Physik profitieren. Wir fühlen und benehmen uns nach wie vor so, als wären wir getrennt und wissen doch, dass wir eins sind. Der Mystiker hat die Einheit erfahren und schöpft Kraft, Freiheit und inneren Frieden daraus; der Physiker hat sie erkannt, aber diese Erkenntnis gibt ihm keinen inneren Frieden. Es ist an der Zeit, ein Bewusstsein zu entwickeln und zu pflegen, in dem die Erkenntnisse der Wissenschaft genauso ihren Platz haben wie die Erfahrung des Ungetrenntseins, die die Mystiker in Ost und West beschreiben. Es geht hier also nicht um die Rückkehr in ein Bewusstsein, in dem wir vor der Aufklärung gelebt haben, wie es manche fundamentalistische Strömungen als Antwort auf die Probleme der modernen Welt propagieren. Es geht vielmehr um die Entwicklung eines „Erfahrungsbewusstseins“, das dem Stand der modernen Physik entspricht und das uns gleichzeitig eine neue Perspektive im Umgang mit den Wissenschaften und dem täglichen Leben eröffnet.

Wir können die dem Leben innewohnende Ordnung nicht verändern, wir können höchstens gegen sie verstoßen. Je mehr es uns gelingt, das Wirken dieser Ordnung, die auch unserem Sein zu Grunde liegt, in uns zu erfahren, desto weniger wird es uns darum gehen die Natur zu beherrschen. Leichtigkeit finden wir ja auch nicht, indem wir die Schwerkraft zu verändern versuchen, sondern indem wir sie anerkennen und einen stimmigen Umgang mit ihr finden. Das ist Lebenskunst. Sie setzt das Erfassen der Natur und ihrer Gesetze auf immer tieferen Ebenen voraus, um in die größtmögliche Übereinstimmung mit ihr zu kommen. Der Lebenskünstler kämpft also nicht gegen das Leben, sondern folgt seinem Fluss durch die unterschiedlichsten Landschaften – auch durch die Landschaften, die das Produkt seiner eigenen Verblendung sind. Wir können uns nicht willentlich natürlich machen, aber wir können dem Fluss folgen lernen, der uns am Ende zu unserer eigentlichen Natur zurückführen wird. Mit Fernrohren haben wir gelernt in die Weite des Universums zu schauen und mit Mikroskopen in die Bausteine der Materie. Vielleicht gelingt es uns ja auch mit einem neuen Blick in die Unendlichkeit unserer eigenen Natur zu schauen.

Aber wie konnte es zu der Entfremdung von unserer eigenen Natur überhaupt kommen? In unserer Kultur steht das Bild des Paradieses für den Zustand des Einsseins, in dem wir uns vor der Entfremdung befanden. Erst mit dem Apfel vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hatte dieser Zustand ein Ende und das Leben wurde zur Mühsal. In der chinesischen Kultur lebten „die Alten“ in grauer Vorzeit, eins mit sich und der Natur. Sie waren sich ihrer selbst nicht bewusst und lebten und starben in Frieden. Wir mögen diese und andere Bilder aus verschiedenen Kulturen heute für Projektionen einer inneren Sehnsucht halten, aber auch eine Projektion ist der Ausdruck einer Wirklichkeit, die in unserem Inneren existiert. Erkenntnis und Bewusstwerdung, also ein Denken, dass sich vom unmittelbaren Erleben absondert, werden als Gründe für das Verlassen des paradiesischen Zustandes, also für den Beginn der Entfremdung genannt. Mit dem Verlassen des Paradieses kam die Unterscheidung von Diesseits und Jenseits. Der Mensch erlebte sich im Diesseits und strebte nach dem verlorenen Paradies. Aber vielleicht hat gerade das Streben nach dem Guten und dem Jenseits, die mit einer Abwertung des Bösen und des Diesseits einherging, die Kluft zwischen beiden noch verstärkt und damit die Rückkehr ins Paradies verhindert. Das Irdische und Körperliche wurde bekämpft und das Himmlische und Geistige als Tor zur Seligkeit gesehen. Im Leben ging es darum, alle Mühen auf sich zu nehmen, um dann am Ende bzw. nach dem Ende den Lohn dafür im Himmel zu bekommen.

Nicht das Streben nach dem Jenseits, das in unserer Kultur auch gerne mit dem ewigen Leben nach dem Tode gleichgesetzt wird, löst die entstandene Dualität auf, sondern die Vereinigung von Diesseits und Jenseits. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies bleibt uns also nichts anderes übrig, als den Himmel auf Erden oder anders ausgedrückt, die Seele im Körper zu suchen. Es geht eben nicht darum, das Glück des Jenseits in die Zukunft zu verlegen, sondern ihm in der Gegenwart näher zu kommen. Wenn das Paradies einen Zustand beschreibt, in dem Gut und Böse nicht voneinander geschieden sind, so werden wir ihm auch nur näher kommen, wenn wir bereit sind, unsere Verurteilungen und Bilder vom sogenannten Bösen zu lockern und ein Bewusstsein zu entwickeln, in dem Gut und Böse als das erkannt werden, was sie sind, nämlich Produkte eines aus dem Einheitserleben gefallenen Bewusstseins. Praktische Wege in das Erleben von Ungetrenntheit und Einheit werden in Ost und West und auch im hinteren Teil dieses Buches beschrieben.

Aber gehen wir noch einmal zurück zu Ursprung und Entwicklung der Entfremdung von unserer paradiesischen Natur. Die jahrtausendealten Mythen verschiedener Kulturen zeigen, dass schon mindestens seit der Entwicklung der Schrift ein Bewusstsein für diese Entfremdung vorhanden war. Die Abwertung des Körpers und seiner natürlichen Bedürfnisse in unserer christlich-abendländischen Kultur hat die entstandene Dualität genauso verstärkt, wie die bis in die Gegenwart vollzogene Einteilung der Welt in Gut und Böse. Trotzdem lebten die Menschen auch in unserem Kulturkreis bis zur Aufklärung vor gut 200 Jahren in einer Welt, in der der Mikrokosmos Mensch und der Makrokosmos nicht als grundsätzlich getrennt erfahren und gesehen wurden, sondern in lebendiger Verbundenheit. Der Mensch war angeschlossen an die Energien des Universums, die ihn nährten und in denen er sich aufgehoben fühlte. Die Weltbilder des Ostens und des Abendlandes entsprachen sich weitgehend, weil sie Ausdruck eines subjektiven Erlebens waren. Dies änderte sich mit der Aufklärung in unserer Kultur.

Auf der Suche nach der Wahrheit verlor das subjektive Erleben an Bedeutung und die Objektivität des Denkens und der reinen Vernunft begann ihren Siegeszug. Mit immer raffinierteren Messgeräten erhobene Daten ersetzten das eigene Empfinden und daraus resultierende Urteilsvermögen durch wissenschaftlich gesicherte Befunde. Am Quelltopf eines Thermalbades las ich neulich: „Das Betreten dieses Beckens ist belastend für Ihren Kreislauf. Bitte konsultieren Sie deshalb vorher Ihren Arzt!“ Wir spüren nicht mehr, was uns gut tut und was wir vertragen, sondern wir fragen unseren Arzt nach den Befunden und schließen daraus auf unser Befinden.

Auch wenn nach der Aufklärung der Verstand in unserem Kulturkreis eine immer größere Rolle gespielt hat, stand doch im täglichen Leben der Körper immer noch im Mittelpunkt. In einem Leben ohne Waschmaschine, Kühlschrank, Fernseher, Telefon und Auto war man gezwungen, seinen Körper zu benutzen. Im täglichen Leben hatte das Wechselspiel zwischen Körper und Geist seinen festen Platz. Der Körper war geübt, auf die (Willens-) Impulse des Geistes zu reagieren und umgekehrt gab es auch genügend Signale des Körpers, die der Geist empfangen und auswerten konnte: das Empfinden von Kraft, Freude, Lust, Müdigkeit und vieles mehr. Trotz der Abwertung körperlicher Bedürfnisse durch die Kirche und trotz der Betonung des Verstandes nach der Aufklärung bot also das tägliche Leben noch genügend Raum für ein vielfältiges Zusammenspiel von Körper und Geist. Mit der technischen Entwicklung jedoch, dem Bau von Maschinen, die uns die Arbeit mehr und mehr abnahmen, gingen die körperlichen Tätigkeiten dramatisch zurück. Was für die Schwerarbeiter ein Segen war, wurde vielen Wohlstandsbürgern zum Verhängnis, die die Folgen der sogenannten Zivilisationskrankheiten zu ertragen hatten.

Noch bedeutsamer als der Bau von Maschinen, die die Fähigkeiten des Körpers stark reduzierten, dürfte die rasante Entwicklung ganzer Medienwelten sein, die den Geist täglich mit einer Unmenge an Daten und Informationen überfluten. Ein durchschnittlicher Großstadtbürger hat heute an einem einzigen Tag mehr Reize zu verarbeiten als ein Mensch im Mittelalter in einem ganzen Jahr. Die über das Internet zugänglichen Informationen verdoppeln sich ca. alle fünf Jahre. Die Kombination aus dem Rückgang körperlicher Tätigkeiten und der enormen Steigerung geistiger Reize führt zu einem zunehmenden Ungleichgewicht im Körper-Geist-System. Hirnforscher haben herausgefunden, dass unsere Grundgestimmtheit, ob wir glücklich und zufrieden sind oder nicht, durch die Auswertung von – zum größten Teil unbewussten und subtilen – Körpersignalen im Gehirn bestimmt wird. Der entscheidende Faktor für unser Wohlbefinden ist und bleibt das subjektive Erleben unserer selbst. Wir beschäftigen uns hier also nicht mit irgendeinem, sondern mit einem für unser Lebensglück und unsere Lebenszufriedenheit ganz zentralen Thema.

Die Wissenschaft hat sich immer mehr auf die Erforschung von Details verlagert, die sie bis in erstaunliche Bereiche hinein beschreiben kann. Allerdings ist ihr gleichzeitig das Gespür für das Ganze und für Zusammenhänge abhanden gekommen. Wir wissen so viel wie noch nie über Stoffwechselprozesse im Gehirn von depressiven oder aufmerksamkeitsgestörten Menschen, aber trotz dieses Wissens klettern die Zahlen der Betroffenen weiter nach oben. Irgendwie herrscht wohl immer noch die Auffassung vor, dass die Probleme sich lösen lassen, wenn wir nur noch mehr über die Einzelheiten herausbekommen. Ursprünglich hat der Mensch viel gespürt und wenig gewusst. Die Philosophen haben sich ausführlich Gedanken gemacht über das, was sie erfahren und mit ihren Sinnen wahrgenommen haben. Erst hielten sie die Erde für eine Scheibe, weil sie flach aussah und dann glaubte man, dass die Sonne und alles andere sich um die Erde drehen, weil man sich selbst als Mittelpunkt erlebte. Mit der Erfindung des Fernrohrs als einem der ersten „Messgeräte“ konnte sich der Mensch – wie wir wissen, nicht ganz ohne Mühe – eines Besseren belehren. Heute weiß der Mensch viel und spürt wenig und wenn er etwas spürt, hat er verlernt, dem auch zu vertrauen. Aber das Zusammenspiel der Organe, Hormondrüsen, Nerven und Zellen, der Stoffwechsel in unserem Körper ist so komplex, dass wir niemals wissen werden, wie es funktioniert (vom großen Zusammenspiel in der Natur einmal ganz abgesehen). Aber wir können spüren, dass es funktioniert und wir können spüren lernen, unter welchen Bedingungen es besser oder schlechter funktioniert. Haben wir dieses Gespür entwickelt und verfeinert, so können wir im wahrsten Sinne des Wortes fundamental zu unserem Wohlergehen beitragen, auch ohne Biologie, Medizin, Psychologie, Theologie und Philosophie studiert zu haben. Wir entwickeln dann eine Kompetenz, die in unserem eigenen Erfahrungsfeld entsteht. Diese Selbstkompetenz ist ein Aspekt von Lebenskunst, der Kunst zu leben.

Gehen wir noch einmal zurück zu der Frage von Gut und Böse, bzw. Gut und Schlecht. Kaum jemand wird in Frage stellen, dass die Aufklärung und die Entwicklung der Wissenschaft mit ihren vielen hilfreichen Entdeckungen ein wirklicher Fortschritt sind. Mit ihrer Hilfe konnten in der Vergangenheit viele Probleme gelöst werden und dies wird auch in der Zukunft so sein. Das ist gut. Gleichzeitig wird aber auch immer deutlicher, dass die Wissenschaft – vor allem, wenn sie sehr dominant das Leben prägt – auch Schattenseiten hat. Sie verhindert Lösungsversuche, die ihre Basis nicht im denkenden, sondern im spürenden Bewusstsein haben. Das ist schlecht. Der Mensch besteht eben nicht nur aus Verstand und Denken. Die Potenziale unseres Bewusstseins gehen weit darüber hinaus. Die Frage, ob das Denken gut oder schlecht ist, löst sich auf, wenn wir die Erfahrung machen, dass Denken, Spüren und ganzheitliches intuitives Erfassen keine Gegensätze sein müssen, sondern in einem vielschichtigen Bewusstseinsfeld so gut miteinander auskommen wie die Regenbogenfarben im weißen Licht. Die Vertiefung und Verfeinerung unseres Bewusstseins führt uns zu Entdeckungen, die Menschen schon lange vor der Aufklärung gemacht haben. Das hilft uns vielleicht, respektvoller mit den Kulturen umzugehen, in denen sich die Aufklärung gar nicht oder nicht in dem Maße wie bei uns vollzogen hat. Vielleicht hilft es uns auch, unser Bildungssystem zu überprüfen und den Bewusstseinsfähigkeiten, die bisher kaum oder kann nicht berücksichtigt wurden, mehr Raum zu geben. Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für andere Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens wie die Medizin (z.B. Stressbewältigung), den Leistungssport und alle anderen Lebensbereiche, in denen Leistungen erbracht werden müssen. Wir sind, wie immer wieder betont wird, eine moderne Leistungsgesellschaft. Die Forderung von Politikern, dass sich Leistung wieder lohnen muss, bleibt jedoch meist auf den materiellen Lohn beschränkt. Solange Leistung nicht auf einem gesunden Boden wächst, wird sie sich nicht lohnen, egal, wie viel Geld wir dafür bekommen. Am Ende wollen wir uns also auch mit der Frage beschäftigen, wann eine Leistung der Ausdruck von körperlicher, geistiger und seelischer – wenn man das überhaupt trennen will – Gesundheit ist und wann sie krank macht. Wir können unsere Natur nicht verändern, wir können nur mit ihr oder gegen sie leben. Um im Einklang mit ihr zu leben, müssen wir sie aber zunächst einmal kennenlernen – nicht nur mit dem Verstand, sondern im eigenen Erleben. In diesem Buch sollen also nicht nur theoretische Überlegungen und praktische Übungen, sondern auch ihre Anwendung im Alltag beschrieben werden. Erst in seiner Alltagstauglichkeit zeigt sich die wirkliche Relevanz eines neuen Erfahrungsraumes.

Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzubeugen, sei schon einmal gesagt, dass hier unter Lebenskunst bzw. einem Lebenskünstler keineswegs ein Mensch verstanden wird, der es versteht, allen Schwierigkeiten im Leben erfolgreich auszuweichen. Ein Lebenskünstler ist ein Mensch, der die Fähigkeit hat, an den Aufgaben, die er sich oder sein Leben ihm stellt, zu wachsen. Ein Lebenskünstler ist ein Mensch, dessen Denken und Erleben miteinander agieren, der es versteht, sein Leben zu genießen und der (selbst-)verantwortlich lebt. Lebenskunst schließt die Fähigkeit ein, sein Leben zu bejahen und das nicht nur, wenn die äußeren Umstände es uns leicht machen. Manche Menschen haben das Glück, die Anlage zu einem Lebenskünstler mit in die Wiege gelegt zu bekommen, andere müssen es sich erarbeiten. Eine entscheidende Frage ist natürlich, ob wir das wollen, aber noch wichtiger ist vielleicht die Frage, ob es eine Alternative dazu gibt.


Achim Schrievers

(Dieser Text ist die Einführung eines noch nicht zu Ende geschriebenen Buches mit dem Arbeitstitel „Dem inneren Fluss folgen - vom Leben zur Lebenskunst“.)




Jahresthema:


„Der Vielfalt eine Mitte geben“


Noch nie gab es eine so große Vielfalt von Angeboten, Kursen, Wegen, Lehrern und Informationen wie in unserer modernen Zeit. Wirklich bereichernd wird diese Vielfalt aber erst, wenn es auch eine Mitte gibt, die sich das Viele zu einem Ganzen zusammengefügt. Die Mitte ist wie ein Wegweiser, der uns hilft, uns in der Vielfalt nicht zu verlaufen.

Im Qigong spielt die Körpermitte, das Dantian unterhalb von Bauchnabel eine zentrale Rolle. Der zerstreute Geist hat in ihr einen Punkt, in dem er sich sammeln und zur Ruhe kommen kann. Das Dantian ist wie der Gipfel eines Berges, den zu erklimmen wir uns zum Ziel gemacht haben. Aus großer Entfernung sehen wir ihn klar und er zeigt uns die Richtung, in der wir uns bewegen. Kommen wir an den Fuß des Berges, also dem Ziel näher, dann ist der mitunter von Bäumen und Felsen verdeckt und keineswegs mehr so klar wie aus weiter Ferne zu sein schien. Erreichen wir den Gipfel schließlich, so haben wir nicht mehr den Gipfel vor Augen, sondern schauen vom Gipfel aus in die Welt – rundherum. Der Gipfel ist gleichsam der Standpunkt, von dem aus wir die Welt betrachten.

Ähnlich verhält es sich mit unserer Mitte: In der Mitte zu sein heißt nicht nur, das Leben von der Mitte aus zu betrachten, sondern es von der Mitte aus zu leben. Die Miete hilft uns, wesentlich und unwesentlich voneinander zu unterscheiden, ein Gefühl dafür zu bekommen, was wirklich wichtig ist.

Die Mitte als Thema und Herausforderung soll uns durch dieses Jahr begleiten.